Zeitreise

Das Museum Wäschefabrik befindet sich etwas versteckt in einem Hinterhof der Viktoriastraße im so genannten Spinnereiviertel im Osten Bielefelds. Die ganze Fabrik mit ihrem gesamten Inventar und das Wohn­haus der ehemaligen Besitzer blieben im Originalzustand erhalten und stehen als Zeitzeugnis der Bielefelder Wäscheindustrie unter Denkmal­schutz. In ihr dokumentieren sich die Arbeitsverhältnisse der Näherinnen und der kaufmännischen Angestellten von den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts bis hinein in die achtziger Jahre. Die Fabrik macht Sozial- und Technikgeschichte greifbar, spür- und sogar riechbar. Allein der Nähsaal mit seinen über 50 Nähmaschinen dokumentiert 50 Jahre: die älteste Maschine stammt von 1914, die neuste von 1962.

 

Wer durch die Eingangstür der Fabrik tritt, begibt sich auf eine Zeitreise: wie in archäologischen Schichten ist die Geschichte des Unternehmens aufbewahrt. Alle Maschinen, Möbel und sonstige Gegenstände, in sieben Jahrzehnten nach und nach angeschafft, stehen noch an der gleichen Stelle wie sie 1980 von den letzten Näherinnen verlassen wurden. Stoffe lagern in den Regalen und fertige Hemden scheinen noch immer auf Kundschaft zu warten. Kundenkartei und Werbematerialien zeugen von einem besonders in den 50er und 60er Jahren blühenden Unternehmen. Im Pausenraum ist ein Essenswärmer für Düppen aufgestellt, doch die Näherinnen kommen nur noch zu Ehemaligentreffen an ihre alte Wir­kungsstätte.



Dornröschenschlaf

Auf der Suche nach Motiven entdeckte ein Bielefelder Fotograf 1986 das Fabrikgebäude im Hinterhof. Hier wurde seit Jahren nichts mehr produ­ziert und dennoch sah alles so aus, als hätten die Näherinnen gerade eben die Fabrik verlassen, um am nächsten Tag wieder zu kommen.



Fabrik wird Denkmal

Bielefelder engagierten sich für die Wäschefabrik und erreichten, dass die gesamte Fabrik 1987 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Aus der 1988 gegründeten Interessengemeinschaft für den Erhalt der Fabrik entstand der Förder­verein „Projekt Wäschefabrik e.V.”, dem es 1993 gelang, die Wäschefabrik mit Mitteln der NRW-Stiftung zu kaufen. Mit großem Engagement arbeiteten die Mitglieder an der Umgestaltung der Wäschefabrik zum Museum. 1997 konnte es eröffnet werden.



Kein Museum im üblichen Sinn

Hier wurde nichts gesammelt und aufgestellt, um Besuchern präsentiert zu werden. Alles was zu sehen ist, hat sich durch die Geschichte der Fabrik selbst angesammelt. Durch die zurückhaltende Restaurierung konnte das Gebäude in seiner Substanz gesichert werden, ohne dass die Authentizität beeinträchtigt wurde. Das macht das Museum Wäsche­fabrik zu einem einzigartigen Kleinod der Industriekultur.


Im Jahre 2000 erhielt der Förderverein für den sensiblen Umgang mit dem Denkmal und dessen Umnutzung als Museum die »Silberne Halbkugel«, den höchsten Denkmalschutzpreis in Deutschland. Das Museum Wäsche­fabrik wurde als Monument des textilen Kulturerbes der Europäischen Textilrouten des European Textile Network (ETNET) eingeordnet und ist Station 1 der Stationen der Industrie- und Technikgeschichte in Ostwestfalen-Lippe und Station 5 des Handwerkspfads OWL.



Original erhaltene Industriekultur

Was den Besucher fasziniert, ist die einzigartige Authentizität: überall sind die Spuren noch zu sehen, die die Beschäftigten, die Frauen in den Nähsälen und die Angestellten in den Büros, zurückgelassen haben. Hautnah kann man in den Produktionsräumen erleben, unter welchen Bedingungen Frauen Bett-, Leib- und Tischwäsche, Blusen und Hemden genäht haben. Das Herzstück ist der historische Nähsaal: er ist mit sei­nen Kraftarbeitstischen und über 50 Näh- und Stickmaschinen einmalig in Deutschland. Im Vertrieb kann man erfahren, wie die Produkte zum Kun­den gelangten. Im Musterraumliegen noch heute die alten Stoffe und Musterbücher verschiedener Zeiten aus. In der Firmenverwaltung bear­beiteten die Angestellten die Kundenaufträge, errechneten die Löhne, Gehälter und Provisionen und erstellten am Jahresende die Bilanz für das Unternehmen. Auch hier ist vom Karteikasten bis zur Schreib- und Bu­chungsmaschine alles original erhalten. Im Pausenkeller konnte das von den Mitarbeitern in Düppen mitgebrachte Essen aufgewärmt werden. Man kann erahnen, wie die Pausen sich gestalteten.



Medienpräsentation

Fritz BenderAuch wenn das Museum einen großen Teil der Geschichte der Wäsche­fabrik greifbar macht, gibt es doch auch eine „unsichtbare Geschichte” des Hauses. Die Spuren der Firmengründer, des jüdischen Unternehmers Hugo Juhl und seiner Familie, sind – außer in der Architektur – nicht mehr sichtbar und wurden in der Zeit des Nazionalsozialismus bewusst getilgt, vor allem Möbel und Inventar der Wohnung. Um auch diese fast ausge­löschte Geschichte wieder bewusst und erfahrbar zu machen, nahm der Förderverein 1994 Kontakt zu Fritz Bender, dem Schwiegersohn Hugo Juhls auf, der damals, schon über 90 Jahre alt, in Kanada lebte. Er war bereit, nach Bielefeld zu kommen und das Schicksal der Familie einem Kamerateam zu erzählen. Aus diesen Filmaufnahmen entstand eine Me­dienpräsentation, die im Eingangsbereich des Museums die unsichtbare Geschichte der Fabrik und der Menschen, die sie erbauten, wieder sicht- und hörbar werden lässt. Das Museum dokumentiert so auch einen Teil jüdischen Lebens in Bielefeld, eine Geschichte des freudigen Aufbaus, der Vertreibung und des Todes.


Aktivitäten des Vereins

Mit großem Engagement halten die Mitglieder des Fördervereins nun schon seit Jahren den Betrieb des Museums aufrecht, konzipieren Son­derausstellungen und Führungen, erforschen die Geschichte des Gebäu­des und der Menschen, die darin lebten und arbeiteten, und halten Kon­takt zu den ehemaligen Mitarbeiterinnen der Fabrik.



Eine außergewöhnliche Erfahrung

Sei es Geburtstags- oder Wiedersehensfeier, geschäftlicher oder fami­liärer Anlaß – ein Besuch im Museum Wäschefabrik ist immer etwas Besonderes!